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George Hinge |
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EinführungAlkman heißt ein Dichter, der laut der Überlieferung in Sparta des 7. vorchristlichen Jahrhunderts wirkte, und unter dessen Namen Lyrik, insbesondere Lieder für die Aufführung durch Chöre, überliefert worden sind. Wir wissen eigentlich von seiner Person gar nichts. Verschiedene Geschichten kursierten freilich im Altertum, etwa dass er ursprünglich aus Kleinasien stamme, und dass er Sklave gewesen sei, aber wegen seines dichterischen Talents freigelassen worden sei. Die einzige Quelle, die die Alten zum Leben Alkmans zur Verfügung hatten, waren aber die überlieferten Gedichte selbst, die in dieser Hinsicht nicht eindeutig sind. |
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Man kannte im Altertum sechs Buchrollen alkmanischer Gedichte. Ich schätze, dass es sich um ca. 55 Gedichte handelte. Dieses Korpus ging aller Wahrscheinlichkeit nach schon vor der Schwelle zum Mittelalter verloren. Es ist jetzt ausschließlich aus Zitaten bei anderen antiken Verfassern und aus ägyptischen Papyrusfragmenten bekannt. Höchstens zwei Prozent der ursprünglichen Textmasse sind uns auf diese Weise zugänglich. Die Ausgabe von Davies rechnet knapp 200 Fragmente unserem Dichter zu, aber sie sind sehr unterschiedlichen Umfangs, vom wohlerhaltenen sog. großen Partheneion, einem Mädchenlied, von dem 100 Verse beibehalten sind, über Fragmente von fünf-sechs Versen und Einzelverse bis zu Glossen und Paraphrasen. Die Fragmente umfassen in der erwähnten Ausgabe mit den textkritischen Anmerkungen 109 Seiten, aber reinen Text haben wir nur rund 10 Seiten. Ich habe also kein überwältigendes Material zur Verfügung gehabt. Um so mehr benötigte es eine sorgsame Untersuchung. Alkman in der archaisch-klassischen EpocheAlkman hat wie gesagt für Sparta gedichtet. Diese Stadt erwarb schon in klassischer Zeit den fortwährenden Ruf einer geschlossenen, kunst- und gedankenfeindlichen Militärdiktatur, aber das 7. Jahrhundert, in dem unser Dichter angeblich lebte, war die Blütezeit der spartanischen Gesellschaft. Sie war nicht nur die bedeutendste politische Großmacht Griechenlands (eine Stellung, die sie bis zum 5. Jahrhundert beibehielt), sondern auch ein kulturelles Zentrum, zu dem Sänger und Künstler von ganz Griechenland herbeiströmten. Das Korpus machten, wenn nicht ausschließlich, dann hauptsächlich Chorlieder aus, d. h. Musikstücke, die anlässlich religiöser Feste von Chören gesungen und getanzt wurden. Der Chor des berühmtesten Fragmentes, des großen Partheneions, stellt sich als eine Gruppe von jungen, unverheirateten Frauen dar. Der Anlass lässt sich nicht genau verfolgen, weil die Hinweise des Gedichtes selbst ziemlich unausgesprochen sind. Man hätte wohl dabei sein müssen, um es wirklich verstehen zu können. Für die Erörterung des Dialektes ist die Frage von größter Bedeutung, ob die Lieder für ein und dieselbe Gelegenheit gedichtet wurden und daher ausschließlich als historische Dokumente fortlebten, wie die meisten Darlegungen voraussetzen, oder aber ob sie ständig als lebendige Teile der betreffenden Kultfeste Jahr für Jahr wiederaufgeführt wurden. Ich argumentiere in der Doktorarbeit für das letzte Bild. Wir lernen tatsächlich bei den antiken Autoren, dass sich die Spartaner bis in die hellenistische Zeit um die alte Lyrik kümmerten und sie auswendig konnten, und Alkman wird explizit als wichtigster Vertreter dieser Lyrik erwähnt. Es wird freilich in einem Fragment wie dem großen Partheneion eine Reihe junger Frauen namentlich genannt, was unmittelbar auf das Gegenteil hindeutet: Ein Lied, das konkrete Personen erwähnt, die sich als das Ich zu Wort kommen dürfen, scheint für einen Höhepunkt im Leben dieser Personen gedacht worden zu sein und nicht für eine fortwährende Wiederaufführung in Jahrhunderten nach ihrem Tod. Wenn man aber die Namen nachprüft, ergeben sie sich durchgehend als einmalig und für gewisse Personen im Gedicht als in verdächtigem Maße vielsagend. Die Chorleiterin im großen Partheneion heißt zum Beispiel Ἁγησιχόρα, „diejenige, die den Chor leitet“, und in vielen Parthenien treten Frauen auf, die „Volksverehrerin“ und so was heißen. Wahrscheinlich bezeichnen derartige Namen vielmehr Rollen, die Jahr für Jahr von immer neuen Frauen gespielt wurden. Eine ebenso wichtige und damit verbundene Frage ist es, wann die Alkmangedichte überhaupt im übrigen Griechenland bekannt wurden. Es wird gern so dargestellt, als ob eine Ausgabe schon in der archaischen und klassischen Epoche vorläge, in der spätere Dichter Inspiration suchten, und die in der Schule fleißig studiert wurde. Soweit wir es aber verfolgen können, hat die Dichtung Alkmans nur wenige unleugbare Spuren in der klassischen Literatur hinterlassen. Platon, der ein großes Interesse sowohl für Sparta als auch für Musik zeigt und in den Gesetzen sogar die spartanische Musik diskutiert, erwähnt unseren Dichter mit keinem Wort. In der erhaltenen Literatur wird sein Name tatsächlich vor Aristoteles nur einmal genannt, und zwar bei dem Komödiendichter Eupolis, der berichtet, dass niemand heutzutage die Lieder Alkmans singen will! In der Komödie und in der Tragödie wird aber bisweilen an Verse angespielt, die später unter Alkmans Namen umliefen. Es sind aber immer dieselben Verse, die uns begegnen, wie etwa das Fragment, in dem ein männliches Ich bedauert, dass er alt ist, und wünscht, dass er ein Eisvogelmännchen wäre, der zusammen mit den Eisvogelweibchen fliegt. Diesen Fragmenten gemeinsam ist, dass keines von ihnen in den ägyptischen Papyri belegt worden ist, und dass sie bei den späteren Autoren, bei denen sie angeführt stehen, in einer dialektneutralen Gestalt überliefert worden sind. Dass dies bedeutend sein mag, werden wir bald sehen. Die Etablierung des TextesEs gab meines Erachtens in der klassischen Epoche keine eigentliche Alkmanausgabe. Im Gegenteil verfechte ich die Auffassung, dass seine Gedichte zum größten Teil noch nicht in einer veröffentlichten schriftlichen Form vorlagen, sondern innerhalb des kultischen Kontextes in Sparta geblieben waren. Eben weil die Chorlieder so eng an den Kult gebunden und so unausgesprochen waren, erregten sie unter den Uneingeweihten kaum Interesse. Von den Parthenien, die man später und auch noch heute für die typischste alkmanische Dichtung hält, wird anscheinend vor dem 2. Jahrhundert v. Chr. kein einziges Wort zitiert. Die Gedichte, an die man trotzdem im klassischen Drama anspielt, waren aller Wahrscheinlichkeit nach hauptsächlich einer anderen Art. Das erwähnte Eisvogelfragment ist in Hexametern, einem Metrum, das in den ägyptischen Papyrusfragmenten gar nicht auftritt, und andere dieser Fragmente passen anscheinend in einen symposiastischen Kontext hinein. Ich unterscheide somit eine Hauptüberlieferung, die bis in die hellenistische Zeit mündlich war und wegen des unzugänglichen Inhaltes innerhalb Spartas blieb, von einer kleinen Gruppe von Gedichten, die schon in klassischer Zeit in anderen griechischen Städten bekannt waren, weil sie sich einfacher übertragen ließen. Dass der größte Teil der Lieder Alkmans in einer nicht geschriebenen Fassung die Jahrhunderte hindurch fortlebte, ist natürlich für die überlieferte sprachliche Form von größter Bedeutung und ist nicht so undenkbar, wie es unmittelbar scheinen mag. Dass auch der Homertext eine Zeit lang mündlich tradiert wurde, wird von immer mehr Forschern meines Erachtens zurecht behauptet. Die Bedingungen des mündlichen Epos waren aber ganz andere als diejenigen einer mündlichen Lyrik: Jenes wurde auf der Grundlage einer festen Formelsprache immer aufs Neue geschaffen. Die metrische Komplexität der Lyrik macht dagegen eine improvisierte Wiederkomposition unwahrscheinlich. Eben diese metrische Komplexität macht eigentlich eine unveränderliche Übertragung der Lyrik einfacher, als sie es im Fall des Epos ist. Da die Dichtung Alkmans zugleich bei den öffentlichen Festen gesungen und getanzt wurden, wurde die Unveränderlichkeit des Textes weitgehend durch diejenigen gewährleistet, die in ihrer eigenen Jugend dieselben Lieder aufgeführt hatten. Man hat schließlich in hellenistischer Zeit Alkmans sämtliche Werke herausgegeben. Diese Leistung mag dem alexandrinischen Philologen Aristophanes von Byzanz zugeschrieben werden, aber dies bleibt lediglich eine Vermutung. Wenn nicht der, sicher ein Zeitgenosse. Ab dieser Zeit werden auf jeden Fall die Hinweise auf Alkmans Gedichte bei den gelehrten Autoren plötzlich relativ häufig, und es begegnen uns jetzt in ihren Zitaten Verse desselben Inhalts und derselben sprachlichen Form wie in den ägyptischen Papyrusfragmenten. Die spartanische Renaissance unter König Kleomenes, in der man einen Aufschwung des Interesses für die altspartanische Kultur erlebte, hat möglicherweise eine Rolle gespielt, aber auch dies bleibt lediglich eine Vermutung. Das SprachproblemDie Spartaner sprachen den lakonischen Dialekt, der zum dorischen Zweig der griechischen Sprache gehörte. Es ist für eine Arbeit, die die Sprache Alkmans darlegen will, natürlich ein Hauptziel, zu beleuchten, inwiefern dieser Dichter das bodenständige Lakonisch in Anspruch nahm. Die andere Möglichkeit ist ein literarischer Dialekt, der mit der Sprache der homerischen Epen in Verbindung stand oder vielleicht davon abhängig war. Man unterscheidet aufgrund der klassischen Dichtung verschiedene Gattungsdialekte, so dass etwa das Epos auf äolisch beeinflusstem Ionisch, die Sprechverse des Dramas auf Attisch und die Chorlyrik auf mit einem epischen Einschlag gewürztem Dorisch ausgedrückt worden seien. Die Frage ist, ob dieser klassische Zustand sich auf die archaische Zeit zurückschieben lässt. Die Gedichte Alkmans enthalten in der überlieferten Form unleugbare Züge, die sie mit dem lakonischen Dialekt gemein haben. Andererseits gibt es auch Züge, die kaum im eigenen Dialekt vorkamen, aber schon in der Sprache des Epos. Welches Element vorwiegt, hängt davon ab, mit welchem Maß man die einzelnen Sprachcharakteristika wiegt. Das Standardwerk zu Alkmans Dichtung und Sprache ist seit einem halben Jahrhundert die Monographie von Denys Page, The Partheneion, eigentlich ein Kommentar zum großen Partheneion, der auch der Sprache ein längeres Kapitel widmet, in dem er schließt, dass Alkmans Sprache grundsätzlich der lakonische Dialekt sei, und dass es nur einen geringfügigen epischen Einschlag gebe. Ich muss jedoch sagen, dass seine Darlegung aus sprachwissenschaftlicher Sicht unzureichend ist. Nicht nur deswegen ist eine neue und ausführlichere Behandlung des Themas vonnöten, sondern auch weil eine Menge neuer Papyrusfragmente in der Zwischenzeit hinzugekommen sind, die zu einem etwas nuancierteren Bild anregen. Während Page alles das, was in lakonischen Inschriften und ersatzweise in verwandten Dialekten vorkommen, als dialekteigen abfertigt und den fremden Einfluss somit auf einen bescheidenen Anteil beschränkt, den er trotzdem nicht los werden kann, will ich nur das für lakonisch halten, das in der übrigen Dichtung undenkbar wäre. Man sieht, dass wir entgegengesetzten Strategien folgen, und wir gelangen folglich auch zu genau entgegengesetzten Ergebnissen. Ich glaube den Schluss ziehen zu können, der ohne Zweifel kontrovers ist, dass es in den überlieferten Gedichten Alkmans so gut wie nichts unbestreitbar Lakonisches gibt, und dass seine Sprache grundsätzlich dieselbe ist wie die der homerischen Epen. Ich teile die Sprachzüge in zwei nach ihrer metrischen Austauschbarkeit ein. Mit Austauschbarkeit meine ich, ob der betreffende Zug metrisch gesichert ist, oder ob er mit der Entsprechung der anderen Dialekte metrisch identisch ist und somit ohne weiteres durch sie ersetzt werden könnte. Obwohl diese Grenze gewissermaßen künstlich ist, hat sie den Vorteil, dass sie völlig objektiv ist, und sie geht insofern von der kompositorischen Wirklichkeit aus, als die Wörter und Formen des metrischen Wertes gemäß ausgesucht und zusammengesetzt wurden. Führt man diese Trennung durch, ergibt es sich, dass diejenigen Sprachzüge, die als lakonisch gelten, so gut wie alle metrisch austauschbar sind, während diejenigen Züge, die nicht metrisch austauschbar sind, so gut wie alle der ganzen älteren Dichtung gemeinsam sind. OberflächenstrukturEs treten durch das Prinzip der metrischen Austauschbarkeit zwei sprachliche Ebenen hervor: Die metrisch austauschbaren Züge gehören zu dem, was ich die Oberflächenstruktur nenne, und die metrisch nicht austauschbaren Züge demzufolge zur Tiefenstruktur. Betrachten wir zuerst die erstgenannte Ebene. Die Oberflächenstruktur bezeichnet die Verwirklichung der Dichtersprache, die Performanz der Tiefenstruktur sozusagen. Sie war meines Erachtens in der archaischen Zeit noch nicht geregelt, in dem Sinne, dass die dialektale Färbung eines Gedichtes nicht vom Werk selbst, sondern vom Sänger abhängt. Ein und dasselbe Gedicht würde von einem Spartaner lakonisch, von einem Thebaner böotisch oder von einem Athener attisch vorgetragen werden, ohne dass das Gedicht hinsichtlich der inneren Struktur geändert wird. Es ist eine Frage von Akzent und hat eigentlich mit dem Gedicht als solchem nichts zu tun. Das heißt aber keineswegs, dass Alkmans Lieder in der Uraufführung dialektneutral vorgeführt wurden. Es gab natürlich keine oberflächenlose Performanz, und ein lakonischsprachiger Chor musste einfach den Gesang lakonisch färben. Solange wir keine direkten Quellen zur Performanz der Lieder Alkmans haben (solche wird es wahrscheinlich nie geben), können wir natürlich die ältere Phase der Oberflächenstruktur nicht verfolgen. Dass eine nur oberflächlich lokal gefärbte archaische Dichtung nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, geht jedoch aus den archaischen und klassischen Versinschriften hervor. Die alten Dedikationen und Grabstelen sind nicht selten in Versen, vor allem im daktylischen Hexameter, verfasst. Die Sprache solcher Inschriften ist im Grunde genommen dieselbe wie in der literarischen hexametrischen Dichtung, aber die dialektale Oberfläche variiert je nach dem Dialekt des betreffenden Ortes. Die Versinschriften unterstützen also, dass die Performanz nicht von der Gattung geregelt war, sondern eher von den Aussprachegewohnheiten des Sprechers bzw. des Schreibers. Diese Oberfläche änderte sich natürlich mit der Entwicklung der Aussprachegewohnheiten. Das, was wir in den Papyri lesen, bezeugt nicht Alkmans orthographische Intention, und die spätlakonischen Züge des Alkmantextes, die in der archaischen Schrift undenkbar wären, sind nicht sekundär in einen alten Text hineingesetzt. Wir müssen uns auch keine Übertragung aus dem alten lakonischen Alphabet in die gemeingriechische Schrift vorstellen, sondern wir haben es vielmehr mit einer Transskription einer hellenistischen Performanz zu tun. Dass die lakonischen Züge zur Oberflächenstruktur gehören, heißt nicht, dass auch alles auf der Oberfläche lakonisch sein muss! Ich glaube in der geschriebenen Performanz einen Interessenkonflikt spüren zu können. Man hat in Sparta selbst eine hohe dialektneutrale Aussprache erstrebt, wie in den offiziellen Dokumenten derselben Zeit, aber derjenige, der die Gedichte niederschrieb, hat offensichtlich die besonderen Dialektzüge, den lokalen Akzent, herausstellen wollen. TiefenstrukturDie Tiefenstruktur, die prinzipiell unveränderlich ist, ist sozusagen der genetische Kode des Gedichtes, gemäß dem jede Performanz aufs Neue verwirklicht wurde (gelegentliche Mutationen lassen sich jedoch nicht ausschließen). Sie ist auf der Grundlage der gemeinsamen Dichtersprache generiert, aus der auch die homerischen Epen erschaffen worden sind. Die Dichtersprache, d. h. die Regelung der erlaubten Formen und Wörter und ihrer Verbindung, ist in den sogenannten dunkeln Jahrhunderten aus der Konvergenz unterschiedlicher dichterischer Praxen entstanden. Besonders die äolischen und ionischen Traditionen in Kleinasien sind für die Bildung der Dichtersprache maßgebend gewesen. Sie war ihrerseits nicht unveränderlich, sondern entwickelte sich in einer Wechselwirkung mit den einzelnen dichterischen Erzeugnissen, indem man immer neue Möglichkeiten der Dichtersprache ausforschte. Es hatte sich zu Alkmans Zeiten bereits seit einem Jahrhundert eine griechische kulturelle Identität gebildet, die sich in den gemeinsamen Mythen und in den gemeinsamen Festen wie etwa den olympischen Spielen ausdrückte. Lokale Traditionen wurden auf panhellenische Ebene angehoben oder richteten sich zumindest in die panhellenische Struktur ein. Lokale Gottheiten wurden mit gemeingriechischen Entsprechungen identifiziert, und lokale Helden wurden in einer gemeinsamen Genealogie vereinigt. Die Dichtersprache fügt sich ebenfalls in diese panhellenisierende Tendenz ein. Die alten Volkslieder wichen demzufolge diesem neuen Standard, und es traten an ihre Stelle neue und wohl auch professionellere Lieder, die den einheitlichen Regeln der Musik, der Metrik und der Sprache folgten. Dass die Dichtung Alkmans, die in einem strikte lokalen Kontext fortlebte, zugleich von der Sprache her panhellenisch sein soll, scheint unmittelbar paradox zu sein. Es löst sich aber, wenn man bedenkt, dass die alkmanische Dichtung wie jede Chorlyrik zunächst öffentliche Dichtung ist, die Sparta als griechische Polis und spartanischen Kult als griechische Religion darstellen will. Die Gedichte sind also nicht panhellenisch gebildet, um sie einer gemeingriechischen Öffentlichkeit zugänglich oder annehmbar zu machen, sondern weil das panhellenische Ansehen schon innerhalb Spartas selbst eine entscheidende Rolle spielte. Das soll nicht heißen, dass alle Erzeugnisse der Dichtersprache gleich sind. Ein gegebener Sprachzug mag in der Tat in gewissen Gedichttypen häufiger vorkommen als in anderen. Die Variation lässt sich aber dann nicht auf den eigenen Dialekt des Dichters zurückschreiben, sondern rührt eher von einem anderen Stil her. Etwa der Artikel ist in Alkmans großem Partheneion viel häufiger als bei Homer und den übrigen archaischen Dichtern, aber wir dürfen nicht von einem lokalsprachlichen Zug reden, denn der Artikel war in der Umgangssprache jedes Dialekts die Regel. Und in Alkmans anderen Gedichttypen scheint er schon seltener gewesen zu sein. SchlussRekapitulieren wir einmal: Die Lieder, die zu uns unter Alkmans Namen gekommen sind, wurden in derselben Sprache verfasst wie die übrige archaische Dichtung, aber diese Sprache schrieb nur die innere Form, die Tiefenstruktur, vor. Das Äußere, die Oberflächenstruktur, die von der Performanz bestimmt war, war in der archaischen Zeit weitgehend lokal geprägt. Als eine Schriftkultur entstanden war, wurde in der jüngeren Dichtung auch die Aussprache geregelt; die überlieferten Fragmente weisen also eine Neigung zur hellenistischen Hochsprache auf, aber mit einem gewissen lokalen Akzent. Das Korpus fand erst in frühhellenistischer Zeit eine schriftliche Form, obwohl etliche Fragmente, die inhaltlich zugänglicher waren, schon früher außerhalb Spartas bekannt waren. |
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